Pädagogisches Konzept von Spotlight

Dem Konzept des Spotlight-Projekttages liegen folgende zentrale Annahmen zugrunde:

1. Klassenspezifischer Ansatz: Das System Mobbing offen legen

Mobbing wird als systematisches Fertigmachen immer derselben Person(en) begriffen. An diesem verfestigten Konflikt sind alle – die Mobbenden, die Gemobbten, die Zuschauer und die Lehrer – direkt oder indirekt beteiligt. Gibt es einen Mobbingfall in der Klasse, wissen normalerweise alle Schüler Bescheid. Allein die Lehrer sind mitunter nicht in Kenntnis dessen, was sich in den Pausen und außerhalb des Unterrichts, also in hierarchieschwachen Räumen, abspielt. Begreift man Mobbing als System, können erfolgversprechende Präventions- oder Interventionsansätze nicht nur bei Mobbern und Gemobbten ansetzen: Angenommen es gibt einen Mobbingfall in einer Klasse von 30 Schülern, bei dem zwei bis sechs Mobbende und Assistenten erniedrigenden Handlungen gegen einen Mitschüler durchführen, so bleiben noch über 20 Schüler, die als Zuschauer das Geschehen entscheidend beeinflussen können. Die Mobber haben vielfach kein Interesse an einer Veränderung. Sie haben die Machtposition inne und sind erfolgreich in ihren Unternehmungen. Die Gemobbten selbst haben oft keine Chancen mehr, sich erfolgreich zur Wehr zu setzen. Damit stellen die Zuschauer das Zünglein an der Waage dar: Schweigen sie oder machen sie mit, unterstützen sie Mobbing, missbilligen sie das Verhalten der Mobbenden und stellen sie sich auf die Seite der Gemobbten, ist Mobbing häufig beendet.
Aus dieser Prämisse ergibt sich eine systemische Arbeitsweise, die darauf abzielt, dass das System offen gelegt wird, „Ross und Reiter“ benannt werden und die gesamte Klasse bei der Lösung eines Mobbingkonflikts mit einbezogen und in die Verantwortung genommen wird.

2. Vom Allgemeinen zum Besonderen

Spotlight arbeitet auf zwei Ebenen. Im ersten Teil des Projekttages wird Mobbing auf der allgemeinen Ebene thematisiert. Ausgehend vom Theaterstück – alternativ von einem Film oder einer kurzen Szene – werden nach aktivierenden Warm-Ups mit handlungsorientierten Rollenspielen folgende allgemeine Fragen beantwortet:
• Was ist Mobbing?
• Wie funktioniert Mobbing als System – wer ist beteiligt?
• Welche Formen von Mobbing gibt es?
• Welche Lösungen aus der Mobbingfalle lassen sich finden?
Dramaturgisch macht es Sinn, nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern erst einmal inhaltlich zu klären, was Mobbing z. B. im Unterschied zu „ärgern“ oder „streiten“ ist, und als Teamer mit der Klasse positiv in Kontakt zu kommen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Anschließend wird im zweiten Teil des Projekttages auf der konkret-besonderen Ebene die spezifische Situation der Klasse in Augenschein genommen.
Das Besondere: Mobbing und die „Spitze des Eisbergs“
Der Weg zur Lösung führt über das Bewusstmachen der spezifischen Muster und Konfliktstrukturen. Im Gegensatz beispielsweise zum NO-BLAME-APPROACH, der ausschließlich lösungsfokussiert mit einer Teilgruppe von Schülern arbeitet, wählt Spotlight einen Weg, der sowohl problem- als auch lösungsfokussiert ist. Spotlight will zunächst einmal die spezifische Situation der Klasse sichtbar machen. Hier geht es darum, mit den Schülern herauszufinden, was in ihrer Klasse konkret an Handlungen geschieht und was sich hinter den Fassaden dieser Handlungen vollzieht. Hinter die Fassade schauen heißt, die individuellen Befindlichkeiten, Motive und Gefühle der Beteiligten im geschützten, vertretbaren Rahmen offenzulegen. Es heißt aber auch, Probleme und Konflikte, spezifische Muster, Regeln, (Macht-)Strukturen und Funktionszusammenhänge der ganzen Klasse oder Teilgruppen gegenüber an die Oberfläche zu bringen (Wie „tickt“ die Klasse/Gruppe? Welche Themen sind relevant? Welche Konfliktstrukturen und -dynamiken lassen sich erkennen?), um davon ausgehend konkrete Ansätze für spezifische Lösungen der Situationen zu entwickeln.
Kommunikationsmodelle vergleichen Konflikte und deren erfolgreiche Bearbeitung bisweilen mit Eisbergen: Eisberge haben die Eigenschaft, dass nur etwa 1/10 ihrer Masse (= ihre Spitze) sichtbar ist, während etwa 9/10 unter der Wasseroberfläche schwimmen und damit nahezu unsichtbar sind. Übertragen auf den Umgang mit (Mobbing-)Konflikten heißt das: Will man einen Konflikt verstehen und ihn erfolgreich klären oder lösen, muss man sich auch dem zuwenden, was unter der Oberfläche schwimmt. Dazu sind die „Spitze des Eisbergs“ (z. B. konkret sichtbare Mobbinghandlungen) und bedeutsame Teile des Eises, die unter der Oberfläche schwimmen (z. B. individuelle und gruppenspezifische Konflikte, Muster, Grenzen, Regeln etc.) bewusst zu machen. Ziel ist es, durch eine Analyse und Diagnose – auch unter Berücksichtigung der verschieden Phasen des Mobbinggeschehens: (1) Allgemein raues Klassenklima, Unsicherheit, ungelöster Konflikt oder Exploration (2) Konsolidierung und (3) Manifestation – die relevanten Themen und Konflikte der Klasse (z. B. Umgang mit Lästern, Grenze Spaß – Ernst, konkrete Streitsituationen, respektvoller Umgang, Mitspielen lassen, Cliquenzugehörigkeit) herauszuarbeiten, um dadurch Entscheidungshilfen für geeignete Maßnahmen zur Lösung zu gewinnen. Die Einbeziehung der spezifisch-konkreten Situation einer Klasse stellt einen unverzichtbaren Bestandteil des Spotlight-Ansatzes dar.

3. Theater bewegt, legt offen und verändert

Eine zentrale Methode des Spotlight-Projekts stellt das Medium Theater dar. Damit gelingt es, Mobbingstrukturen auf der allgemeinen und konkreten Ebene an die Oberfläche zu holen und Veränderungen anzubahnen. Die innerhalb dieses Konzeptes angewandte Rollenspiel-Methode ist dem von AUGUSTO BOAL entwickelten „Theater der Unterdrückung“ entlehnt. Die von BOAL entwickelten Techniken zielen darauf ab, die Unterdrückung – und Mobbing ist ohne Frage eine Situation äußerer und innerer Unterdrückung – zu überwinden. Die Rollenspiel-Methode liefert hierzu das Instrumentarium: Das Innenleben der Beteiligten im Sinne des oben beschriebenen „Eisberg-Modells“ wird untersucht. Durch praktisches Tun werden Handlungsalternativen entwickelt, die Bedingungen konkretisieren, die einen Weg aus der Unterdrückung aufzeigen. Im fiktionalen Raum der Bühne darf „Realität“ zunächst ohne moralischen Zeigefinger abgebildet werden. Die Identifikation mit den Schauspielern und dem gezeigten Inhalt schafft Empathie. Im Spiel entwickelte Strategien, die die Unterdrückungssituation überwinden helfen, werden im Sinne der „Katharsis“ für alle leibhaftig spür- und erfahrbar. Damit wird das Phänomen Mobbing durch das Theaterspielen erlebbar, es gibt Aufschluss über die Motive der Handelnden und die Spieler können selber herausfinden, welche Handlungsmöglichkeiten sie in ihrer jeweiligen Rolle haben. Alle Schüler – entweder als Schauspieler oder als „Zuschauspieler“, die beobachten, reflektieren und eigene Spielvorschläge einbringen – werden aktiv mit einbezogen. Dadurch wird der Anspruch, alle bei der Lösung des Problems aktiv zu beteiligen, methodisch eingelöst.

4. Geschlechtsspezifische Arbeit

Die Formen des Mobbens unterscheiden sich vielfach bei Mädchen und Jungen. Stehen bei Jungen häufig körperliche Auseinandersetzungen oder Beleidigungen im Vordergrund, so handelt es sich bei Mädchen eher um relationale Formen von Mobbing. Gemeint sind damit Formen, die einen Angriff auf die Beziehung darstellen, also z. B. ausgrenzen, lästern oder die Freundin „ausspannen“. Auch haben viele Mobbingkonflikte in den jeweiligen Geschlechtergruppen ihren Ursprung und Kern. Diesen Umständen trägt Spotlight Rechnung, indem zwei Unterrichtsstunden jeweils unter der Leitung eines Mannes bzw. einer Frau geschlechtsspezifisch gearbeitet wird. Diese Arbeitsweise hat außerdem den Vorteil, dass Mobbingfälle, die sich nur in der anderen Gruppe abspielen, zunächst von einer Zuschauerperspektive aus betrachtet werden können, um sie hinterher in der gesamten Klasse zu thematisieren.

5. Der Wunsch nach einer guten Klassengemeinschaft

Mobbing und eine gute Klassengemeinschaft schließen sich aus. Die Erfahrung von über 300 Projekttagen zeigt, dass für Schüler und Schülerinnen im Alter von 12 bis 15 Jahren eine gute Klassengemeinschaft von großer Bedeutung ist. Im Allgemeinen gibt es eine Mehrzahl von Schülern, die bereit ist, sich dafür einzusetzen. Hilfestellung wird indes bei der Fragestellung benötigt, wie Schüler diese gute Klassengemeinschaft konkret (wieder-)herstellen und ihre moralischen Kategorien, über die sie verfügen, praktisch für alle umsetzen können. Zielsetzung in der Mobbingarbeit mit Klassen ist es, die Situation des Gemobbten zu verbessern. Dazu ist es von zentraler Bedeutung, die Zuschauer in ihren positiven Hilfen zu bestärken (Zivilcourage), dem Gemobbten eine Möglichkeit zu geben, sein Leid zu bekunden und die Mobbenden mit ihren Verhaltensweisen zu konfrontieren und Verhaltensänderungen einzufordern. Auf diese Weise verändert sich das soziale Muster der Klasse und damit die Klassengemeinschaft positiv, so dass alle ohne Gesichtsverlust in der Klasse bleiben können.

6. Konfrontative Pädagogik als Opferschutz

Spotlight-Einsätze verlaufen in vier Phasen: Kontakt – Konflikt – Konfrontation – Konsequenz. Die Arbeitsweise von Spotlight ist zunächst einmal nicht wertend und geschieht auf Augenhöhe mit den Schülern. Das  Theaterstück zu Beginn des Projekttages ist trotz des Themas unterhaltsam, es lädt die Schüler ein, sich mit dem Phänomen „Mobbing“ auseinanderzusetzen. Als Arbeitsgrundlage wird zwischen den Teammitgliedern und den Schülern eine Beziehung hergestellt, die primär nicht aus Abgrenzungen besteht, sondern aus gemeinsamen Erfahrungen, Erlebnissen, Lernprozessen und gemeinsamer Freude. Im Vordergrund der Arbeit steht die Überzeugung, dass die Schüler in der Lage sind, Konflikte konstruktiv zu lösen und Situationen zu meistern. Die Bedingung für diese Arbeit ist gegenseitiger Respekt, der den Schülern entgegengebracht und im gegenseitigen Umgang auch von ihnen eingefordert wird. Durch diesen Kontakt fühlen sich die Schüler ernst genommen, sind bereit, sich zu öffnen und mitzuarbeiten. Werden jedoch Grenzen im Umgang miteinander eindeutig verletzt, dann arbeitet Spotlight im Sinne eines autoritativen Erziehungsstils grenzziehend und konfrontiert die Schüler mit ihren Regelverletzungen. Mobbinghandlungen werden auf keinen Fall gebilligt, unabhängig davon, ob die Motive des Mobbenden z. B. aufgrund schwieriger familiärer Verhältnisse nachvollziehbar sind oder ob der Gemobbte ungünstige Verhaltensweisen aufweist.